Lebensraum Offenstall

Behörden machen es privaten Pferdehaltern ja nicht gerade leicht. Argumente sind oft der Naturschutz: Misthaufen verseuchen das Grundwasser, Schutzhütten zersiedeln die Landschaft, befestigte Paddocks sind Eingriffe in den Boden. Mag sein. Aber ich denke, der Nutzen einer gut durchdachten Anlage ist für die Natur größer als der Schaden.

Denn der klassische Bauernhof mit Kühen auf der Weide, Schweinen in der Suhle und Hühnern auf dem Mist bot vielen weiteren Tieren Lebensräume, die es in der modernen Agrarinsdustrie nicht mehr gibt. Hobby-Tierhalter müssen kein Geld verdienen und können der Natur diese Räume zurückgeben. Bei uns klappt das sehr gut. Hier ein paar Beobachtungen, die den „Amtsschimmeln“ zu denken geben könnten.

Wintergäste: Kiebitze sind bedroht. Pferdeweiden sind willkommene Rastplätze.

Lebensraum Weide

Seht ihr eigentlich noch Kühe oder Schafe auf Weiden? Selten geworden, oder? Die meisten Nutztiere leben heutzutage drinnen. Das ist ein Verlust für die Artenvielfalt.

Erstens gibt es auf einer gut gepflegten Weide neben Gras auch zahlreiche mehr oder weniger erwünschte Kräuter, eventuell sogar Bäume und Hecken. Wir haben unter anderem Wiesenschaumkraut, Löwenzahn, Spitzwegerich, Disteln, verschiedene Kleesorten und unterschiedliche Gräser. In unserer Weide summt es, Schmetterlinge fliegen herum und dem Krach an lauen Sommerabenden nach gibt es in den Wiesen Massen von Grillen.

Kinderstube Pferdeweide.

Aber man sollte bei Insektenschutz nicht nur an Bienchen und Blümchen denken. Auch Fliegen, Mücken und Bremsen sind wichtig für die Nahrungskette. Die gibt es vor allem da, wo Tiere sind. In professionellen Nutztier-Ställen werden sie oft chemisch bekämpft. Bei uns erledigen das Schwalben und Hornissen. Denn so lästig das stechende Viehzeug ist, es macht Vögel satt – und hat damit doch eine gute Funktion. Daher würde ich auch keine Bremsenfalle aufstellen, auch weil ich zu viel Sorge hätte „Unschuldige“ zu fangen. Ist auch nicht nötig, um ihre Jungen großzuziehen verputzen unsere Vögel viele, viele Insekten. Und nachts kommen die Fledermäuse.

Und sogar die Pferdeäppel sind Lebensräume. Wer hatte nicht schon Häufchen, die vor lauter Fliegen und Käfern kaum zu sehen waren – oder die verräterischen Löcher der großen Mistkäfer unden drunter? Bleiben sie liegen, kommen Würmer. Ein gedeckter Tisch für Vögel, die am Boden nach Nahrung suchen. Sogar Eidechsen leben bei uns an und auf der Weide.

Die Strukturen der Weiden helfen weiteren Tieren. In den Flächen, die nicht gemäht werden, können Rehkitze und Hasen ungefährdet aufwachsen, falls nicht ein Pferd drauftritt (ist bei uns leider mal mit einem jungen Hasen passiert). Abgefressene Bereiche sind Jagdreviere für Greifvögel, die im hohen Gras ihre Beute schlechter sehen können.

Eine der vielen jungen Rauchschwalben, die in unserem Stall aufgewachsen sind.

Lebensraum Stall

Moderne Ställe müssen hohen hygienischen Anforderungen genügen, sind teilweise klimatisiert und fast hermetisch abgeriegelt. Es soll Fälle geben, wo Schwalbennester aus ebendiesen Gründen entfernt werden mussten. Bei uns sind sie willkommen, auch wenn man im Herbst dann einmal putzen muss. Aber es ist schön zu sehen wie die Kleinen flügge werden. Auch Spatzen und Rotschwänzchen brüten an und in unserem Stall und der Scheune, abends sitzt manchmal eine Schleiereule unter dem Vordach.

Und da wir zum Teil alte, zum Teil nach altem Vorbild gebaute Gebäude nutzen, gibt es überall Ritzen und Spalten. In eine sind Fledermäuse eingezogen. Unter den Paletten unterm Scheunendach, wo wir das Heu für die nächsten Tage drauf lagern, hat im vergangenen Jahr eine Igelmutter vier Junge großgezogen.

Lebensraum Paddock

Eine kahle Sand- oder Erdfläche ist für die Natur keineswegs verloren. Insekten nehmen auf kahler Erde Mineralien auf, Vögel nehmen bei trockenem Wetter Staubbäder oder sammeln bei Regen im Frühjahr Matsch als Baumaterial für Nester.

Wir haben unseren Auslauf mit Hecken und Bäumen gestaltet. In der Hecke hat dieses Jahr ein Igel sein Nest gebaut. Auch viele Vögel trifft man dort an, da wir heimische Gehölze gewählt haben, die auch Blüten und Früchte tragen.

An der Stallwand ist Platz für Nistkästen, Futter für den Nachwuchs gibt es auf der Weide genug.

Lebensraum „drumherum“

Im Umfeld des Offenstalls ist oft Platz für Nistkästen und für die immer wieder geforderten Blühstreifen, vielleicht an einem Sitzplatz für die Reiter. Aber Vorsicht, manche Mischungen enthalten giftige Pflanzen, also besser nicht auf oder direkt neben der Weide anlegen. Dann lieber gezielt pferdetaugliche Kräuter wählen. Wenn es Bäume und Sträucher gibt, ist vielleicht auch Platz für eine „wilde Ecke“ mit Laubhaufen oder sogar für einen Teich. Ein Misthaufen darf ja nicht naturnah angelegt sein, aber wer ein Hügelbeet mit Mistanteil baut, kann nicht nur Zucchini und Kürbisse ernten, sondern auch Würmern und Käfern einen tollen Lebensraum bieten.

Unsere Erfahrung zeigt: Je mehr Wildtiere sich um den Offenstall herum wohlfühlen, desto mehr stellt sich ein natürliches Gleichgewicht ein. Die Pferde werden Teil eines Ökosystems, das es so sonst kaum noch gibt.

Ein paar Disteln lassen wir immer stehen.