Ein neues Pferd integrieren ist immer ein Abenteuer. Wir haben erschwerte Bedingungen: Eine sehr kleine Gruppe, ein Wallach, der schon lange über „seine“ Stuten wacht und dann auch noch Isländer, die als rassistisch gelten. Mirco ist ein Wallach und kein Isländer, sondern ein Mischling mit Haflinger und allem was sonst noch Zeit hatte. Er ist spät gelegt, aber schon gut 20 Jahre alt und stand auch vorher in einer gemischten Herde. Er soll den Kindern das Reiten beibringen. Das kann er, er war viele Jahre Schulpferd. Aber ob er in unserer Herde glücklich wird? Auf jeden Fall wird das spannend.
Tag 1: Die Ankunft
Gegen 15 Uhr rollt der Anhänger auf den Hof. Mit ohrenbetäubendem Wiehern macht Mirco klar: Jetzt komme ich! Die Antwort ist vielstimmig. Derzeit sind außer unseren drei Isländern noch gut 40 Warmblüter vom Nachbarhof auf den umliegenden Weiden verteilt. Die Stutenherde von nebenan interessiert den Neuzugang zunächst auch mehr als seine zukünftige Familie. Da sein Paddock in der anderen Ecke ist, flitzt er direkt durch den Zaun. Also bekommt er den großen Paddock mit unverstelltem Blick auf die Nachbarinnen – von denen ihn aber ein Holzzaun trennt.
Tag 2: Erster Ausflug
Auf einem Spaziergang mit Kría, unserer jüngsten Stute, benimmt er sich brav. Die Umgebung interessiert ihn mehr als die Begleitung. In seinem Paddock ist er unruhig, schafft es mal wieder durch den Zaun in den Auslauf zu unseren – und die starten direkt eine Attacke. Mirco flüchtet, wir bremsen die Angreifer und sortieren alle wieder an ihren Platz. Mit dem Zusammenstellen warten wir besser noch.

Tag 3: Die Rosse
Krías Hormone reagieren auf den neuen „Hengst“. Sie quietscht wie ein Teenager beim Konzert der Lieblings-Boygroup und verhält sich so anzüglich, dass es mir peinlich ist. Der Neue macht einen auf Macho und präsentiert sich mit viel Imponiergehabe hinter dem Zaun, was wiederum den alten Wallach, bisher Pascha seiner Herde, auf die Palme bringt. Am Abend bin ich mit dem Heu zu langsam, Mirco schlüpft wieder durch den Zaun, trotz Strom. Ich ziehe im Dunkeln eine zweite Reihe Litzen.
Tag 4: In den Knast
Beim Reiten mit den Kindern ist der „Hengst“ ein Lamm, im Paddock wird es hingegen immer angespannter. Die rossige Stute macht die beiden Wallache völlig verrückt. Wieder zerfetzt es den Zaun. Also bauen wir aus Panels eine Box. Drei mal drei Meter, ein enger Käfig verglichen mit dem großen Auslauf, aber ausbruchsicher. Daneben ist der Fressplatz der Herde. So bleiben sie in Kontakt. Wir sperren eine Ecke ab, so dass sich die Pferde nur an zwei Seiten der Box begegnen und Mirco nicht umzingelt wird. Am Gitter wird laut gequietscht und die Hufe bollern gegen die Stangen. Sicherer wären Pferde-Panels mit angepassten Abständen, aber die Ponys sind lernfähig und der Käfig hält.

Tag 5: Erster Kontakt
Es hilft nichts, irgendwann müssen sie sich ja mal auseinandersetzen. Wir entscheiden: Erst die Wallache. Vor allem ohne das kleine Flittchen von Stute, das sich im Hormonrausch immer noch grenzwertig aufführt. Wir stellen die Herren auf eine sicher eingezäunte, große Koppel, die Damen in Sichtweite, aber abgetrennt daneben. Zunächst lockt das Gras mehr als der Neue, aber dann wird doch einmal kurz und heftig gequiekt und gestampft. Der alte Wallach macht mit kurzen Scheinangriffen klar, welchen Abstand Mirco einzuhalten hat und dass die Stuten auf keinen Fall angewiehert werden. Mirco überzeugt sich mit zwei, drei Annäherungsversuchen, dass das ernst gemeint ist – und dann ist Ruhe. Die beiden haben das geklärt, ohne sich auch nur zu berühren.
Tag 5: Männer unter sich
Wiederholung von gestern, die Herren grasen gemeinsam, heute passiert nichts. Man ist sich einig über den nötigen Abstand und das Gras ist lecker. Danach geht es für Mirco zurück in die Box, aus der er die rossige Stute anquietscht, bis Gandi dazwischen geht.
Tag 6: Die Grande Dame
Heute Gandi und Mánadís zum Neuen. Diesmal geht es auf die ganz große Wiese, damit genug Platz ist falls unser Wallach seine Stute verteidigt. Aber es passiert nichts. Mit ihren 29 Jahren steht Mánadís so über den Dingen, dass es nicht einmal ein Quietschen gibt. Sie ignoriert den Neuzugang einfach komplett. Gandi akzeptiert das und widmet sich dem Gras. Kría quietscht über den Zaun.

Tag 7: Endlich Ruhe
Es wird leiser, die Rosse lässt nach. Es wird zwar trotzdem mal ein bisschen gegiftet, aber wir riskieren es: Alle auf die große Wiese, Tor zu, abwarten. Kría begrüßt Mirco mit einem Scheinangriff, hat dann aber erstmal Hunger. Gandi stellt sich sicherheitshalber dazwischen. Mirco geht auf Abstand. Nach einer Stunde ist der erste Appetit gestillt und Kría rennt noch ein paar Mal zu Mirco, quietscht ihn an, beide macht ein bisschen Show und dann fressen sie weiter. Wildes Gerenne oder ernsthafte Kloppereien gibt es nicht. Nach der Weide geht es für Mirco aber doch erst wieder in die Panelbox. Langsam hasst er das, er würde lieber bei den anderen bleiben. Kommt noch.
Tag 8: Gezeter im Auslauf
Heute habe ich alle zusammen ganz beiläufig von der Weide in den Auslauf geholt. Während sich die Truppe auf der Wiese nur für das Gras interessierte, ging im Auslauf erst einmal die Post ab: Gequietsche und wildes Gehabe sowohl zwischen Mirco und Kría als auch zwischen den beiden Wallachen. Am Ende hatte der Neue den allgemeinen Lieblingsplatz mit dem besten Ausblick erobert, der Rest der Herde blieb in der Nähe vom Stall. Als ich sie trennte, waren unsere „Alten“ ziemlich gestresst, Mirco fand es doof wieder eingesperrt zu werden.

Tag 9: Gemeinsame Ruhepause
Heute hat sich die Truppe nach der Weide endlich mal gemeinsam entspannt. Man hat sich mit kurzem Quietschen und Imponieren auf einen Abstand von 15 Metern verständigt, in dem dann aber alle ihre Siesta hielten. Noch ohne Hinlegen, aber Mirco wälzt sich immerhin (was aber auch eine Form des Revieranspruchs sein kann).
Tag 10: Nach dem Frühstück zusammen
Immer noch fressen die Pferde außer auf der Weise getrennt, und über Nacht bleibt Mirco in der Panelbox. Heute durfte er aber schon nach dem morgendlichen Heu mit in den Auslauf und nicht erst nach der Mittagsweide. Hält er Abstand, ist alles ruhig, aber er lotet immer wieder aus wie nah er ran darf. Die anderen bestehen inzwischen weniger heftig auf den Abstand. Insgesamt scheint sich unser Neuer ganz wohl zu fühlen, auch wenn er noch nicht wirklich zur Herde gehört. Aber das dauert auch deutlich länger. Unser Ziel ist zunächst, dass die Gruppe ohne heftige Aggressionen den Tag verbringt – auch wenn es ums Fressen geht – und dass sich alle trauen zu schlafen. Noch sind wir da nicht, denn Futter ist so ein Thema. Mirco ist sehr gierig. Ideal wäre jetzt Heu ad libitum an möglichst vielen Stellen im Auslauf, aber da wir nasses Heu verfüttern müssen, bleiben nur großzügige Mahlzeiten und genügend Fressplätze. Das wird der nächste Schritt.

Tag 11: Weg mit der Box
Ab heute wohnen alle zusammen. Wir haben die Box abgebaut. Mirco darf jetzt mit einem Abstand von rund fünf Metern bei den anderen bleiben. Wenn gefüttert wird, hält er ebenfalls Abstand und er hat sofort verstanden, dass er einen eigenen Fressplatz ein Stück entfernt hat. Er kann die Herde sehen, aber entspannt sein Heu mümmeln. Es gibt immer noch Gequietsche und Drohgebärden, wenn er sich den anderen nähert, er muss es aber auch immer wieder versuchen, um den Abstand langsam verringern zu können. Bis er direkt bei den anderen fressen und ganz nah stehen darf, wird es noch dauern. Aber: er wird nicht mehr angegriffen, fühlt sich wohl und alle haben die Aktion ohne ernste Verletzungen überstanden, lediglich dem Neuen fehlen hier und da ein paar Haare. Aber das wächst ja wieder.
Tag 14: Die Rangordnung sortiert sich neu
Mirco ist irgendwie über Nacht aufgestiegen und jetzt ranghöher als Gandi. Da beide keine Blessuren haben, scheint das weitgehend friedlich ausgehandelt worden zu sein. Kría ist jetzt Mircos Stute und die beiden stehen viel zusammen. Alle Pferde sind entspannt genug, dass sie sich hinlegen. Das ist nach zwei Wochen ein gutes Ergebnis. Aber es wird sicher noch hier und da ein paar Auseinandersetzungen geben. Bis ein Neuer wirklich ein voll akzeptiertes Herdenmitglied ist, kann es bis zu einem Jahr dauern.

Bilanz:
Der Schlüssel zur Eingliederung waren Geduld, stabile Zäune und viel Platz, vor allem beim Fressen. Mehrere voneinander weit genug entfernte Futterstellen bleiben auch in den nächsten Wochen noch wichtig, damit es keine Kämpfe ums Heu gibt. Außerdem füttern wir großzügig, damit alle immer möglichst satt und zufrieden sind. Die Eingewöhnung kostet ja auch Energie. Aber insgesamt ist alles bisher sehr gut und friedlich verlaufen.

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