Kurz nach Ostern mussten wir unsere alte Dame gehen lassen. Es brauchte etwas Zeit, bevor daraus ein Beitrag entstehen konnte. Aber da diese Entscheidung am Ende der meisten Mensch-Pferd-Beziehungen irgendwann getroffen werden muss, soll auch diese Geschichte Teil dieses Blogs sein.
Mánadís wäre dieses Jahr 33 geworden, ein stolzes Alter. Schon seit mehreren Jahren wurde sie ausschließlich mit Heucobs ernährt, Heu kaute sie nur als Zeitvertreib, und auch Gras wurd nur noch genüsslich gelutscht. Damit ging es ihr aber gut, sie war immer noch die erste, die auf die Weide flitzte.
Seit einiger Zeit hatten wir dann aber schon den Eindruck, dass sie tüddelig wurde. Manchmal schien sie einfach nicht so richtig zu wissen, was sie da, wo sie gerade war, eigentlich wollte. Sie suchte öfter die anderen, wieherte dann und lief den Auslauf ab. Welche Wiese offen ist, wissen die eigentlich immer sehr genau, Mánadís lief ständig zum falschen Tor. Die Augen waren zuletzt sicher auch nicht mehr die besten, aber sie stieß nie irgendwo gegen, blind war sie sicherlich nicht. Und sie fraß und war fit und schien zufrieden.
Dann fiel das Aufstehen schwer. Gar nicht mal wegen Arthrose oder anderen Beschwerden, es schien eher ein Koordinationsproblem zu sein. Sie schien manchmal auch etwas wackelig, vor allem bei langsamen Bewegungen. Wenn sie im schnellen Passtölt brummelnd zum Futter lief, ging das wunderbar, ein Schritt zur Seite dagegen wirkte schwierig. Jetzt fing es auch an, dass sie öfter mal für sich allein stand oder scheinbar sinnlos irgendwelche Runden lief. Wie eine alte Frau mit Demenz. Der Tierarzt meinte, er hätte schon öfter hochbetagte Pferde mit deutlichen Demenz-Symptomen erlebt. Aber trotz allem blieb unsere souveräne alte Dame unangefochtene Herdenchefin, wurde respektiert und geachtet.
Aber es fiel schon auf, dass sie kaum noch lag. Wenn die Gruppe sich gemütlich im Siebgut ausstreckte, stand sie daneben. Und wirkte müde. Nur selten verriet der Schmutz im Fell ein Nickerchen im Liegen. Bis sie an Karfreitag schließlich morgens im Stall lag und nicht mehr hochkam. Sie lag auf der Seite und brummelte, als ich kam, ruderte etwas mit den Beinen, kam aber nicht einmal in die Brustlage. Sie war sichtlich unzufrieden mit ihrer Lage.
Also ein paar Helfer und den Tierarzt gerufen, und nach einer Infusion für den Kreislauf (wir wussten ja nicht, wie lange sie schon so gelegen hatte) haben wir sie mir Schwung auf die andere Seite gedreht. Und sie stand. Allerdings so schräg, dass wir sie abstützen mussten, damit sie nicht wieder umfiel. So ging es dann in Schräglage in den Auslauf, wo sie erstmal ganz viel laufen wollte, wohl um den Stress abzubauen. Das klappte mit jeder Runde besser, bis sie wieder gerade und selbständig stehen und gehen konnte. Etwas eingeweichte Heucobs fraß sie auch, und sie zupfte Blätter von der Hecke. Also alles gut?

Obwohl sie so abgeklärt gewirkt hatte, muss dieses Erlebnis sie extrem schockiert haben. Denn danach hat sie nur noch wenig gefressen. Sie schien die Ruhe nicht mehr zu haben, lief ständig umher, umkreiste rastlos den Futtereimer, nahm nur ein paar Häppchen, lief stundenlang sinnlos herum oder stand müde und allein im Unterstand. Ihren Rang als Chefin verlor sie jetzt auch. Aber sie freute sich, wenn wir Futter brachten, wenn sie geputzt wurde, nahm am Leben teil. Also warteten wir erstmal, wie es sich entwickelte.
Am Dienstag nach Ostern stand sie zur Zeit der Mittagsfütterung schon im Stall. Ich freute mich, dachte, so langsam hat sie den Alltagstrott wieder drin. Seit dem Zwischenfall mit dem Festliegen mied sie den Stall eher und musste zu den Mahlzeiten reingeholt werden, damit sie im Stall abgetrennt fressen konnte. Sonst machten ihr die anderen die Heucobs streitig. Als ich später wiederkam, hatte sie leider wieder kaum gefressen. Sie hatte inzwischen sehr abgenommen. Und sie folgte Gandi nicht, als er aus dem Stall in den Auslauf ging. Aber das war es nicht, es war dieser Blick. Sie sah mich so müde und traurig an, dass ich wusste: Sie will nicht mehr. Irgendwie war es ganz deutlich. Und das sehen auch ihre Besitzerin und ihr Pflegemädchen, die ich dazuholte, weil ich die Entscheidung natürlich nicht allein treffen konnte und wollte.
Sie war so müde, dass sie zwischendurch im Stehen einzuschlafen schien und dann leicht in den Vorderbeinen einknickte. Es war klar: Sie würde irgendwann umfallen. Hinlegen traute sie sich nicht. Sie würde fallen und wieder festliegen, und sie wollte das nicht. Aber eigentlich wollte sie schlafen. Also riefen wir den Tierarzt an. Da er erst abends Zeit haben würde, und damit außerhalb der Sprechzeit, müssten wir es als Notfall abrechnen lassen, sagte er. Ob es bis zum nächsten Morgen warten könnte. Wir überlegten nicht lange: Nein, sie würde wieder liegen, das wollten wir ihr nicht zumuten. Also kam er am selben Abend. Er sah sie an und sagte, wir hätten Recht. Genau jetzt sei der Moment.

Wir führten sie aus dem Stall zum Eingang der Weide. Es ist grausam, aber man muss in dieser Situation an die Logisitk denken: Wo kann das tote Pferd später aufgeladen werden? Das Weidetor direkt an der Hofeinfahrt schien uns am besten, der Auslauf liegt etwas zurück und ist nur mit etwas Rangieren befahrbar. Also führten wir das müde alte Pferd in Richtung Weide. Das hat sie dann doch noch erkannt, und wurde noch einmal ganz munter: Voll Vorfreude brummelnd zog sie Richtung Grün. Es war hart, fühlte sich an wie Verrat. Und zugleich war es schön, dass sie mit einem Gefühl der Freude ihren letzten Weg ging. Sie durfte natürlich Gras naschen, bevor sie das Medikament bekam. Sie sackte lautlos und ganz ruhig in sich zusammen und war auf der Stelle tot, als würde sie sagen: Endlich schlafen. Ganz friedlich lag sie da, kein Zucken, nichts mehr.
Wir waren furchtbar traurig, aber sicher, dass es der richtige Moment war.
Es hilft, einige Dinge vorher zu überlegen: Wo ist ein geeigneter Ort, wo sich das Pferd im letzten Moment wohlfühlt, wo es aber auch gut abgeholt (oder mit hofeigenem Gerät zur Abholstelle gebracht) werden kann? Wer kann in diesem Moment dabei sein, wer begleitet das Pferd, wer kann trösten? Wer kümmert sich hinterher um die Abholung (besser nicht der Besitzer)?
Und was sich auch bewährt hat: Wir haben hinterher die drei anderen Pferde nacheinander zu ihr geführt. Sie haben alle sehr deutlich auf sie reagiert, haben nicht versucht Gras zu fressen, sondern sehr genau geguckt und an ihr gerochen. Mirco hatte sogar Angst. Und sie haben nicht einmal nach ihr gewiehert. Als ein Pferd in die Klinik gebracht wurde und dort leider starb, hat die Herde eine Woche lang nach ihm gerufen. Aber das hier, das haben alle verstanden. Sie haben ein Recht darauf, es zu wissen.
Inzwischen hat sich die Gruppe wieder gefunden. Der Verlust der Chefin war schwierig und brachte viel Unsicherheit, aber sie machen eben einfach weiter. Und freuen sich jetzt über einen neuen Sommer mit Gras und schönen Ausritten. Ob sie manchmal an sie denken? Wir werden unsere alte Dame Mánadís jedenfalls nicht vergessen.

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